Energy Drinks ‚Äď Zaubertr√§nke oder fauler Zauber?

Dr. med. Kerstin Schönhoff

Immer wieder geraten Energy Drinks wie Red Bull¬ģ u.a. in den Mittelpunkt der Medien, oft genug in Verbindung mit unerw√ľnschten oder sogar fatalen Wirkungen wie zum Beispiel 2012 im Fall einer 14j√§hrigen Sch√ľlerin aus den USA, die nach Genuss von zwei Dosen Monster Energy¬ģ an Herzrhythmusst√∂rungen aufgrund einer Koffeinvergiftung starb. Da gibt es einem nun doch zu denken, dass sich die ansprechend bunten Dosen in den Getr√§nkeregalen der Superm√§rkte breit machen und man immer mehr Jugendlichen und sogar Kindern auf der Stra√üe begegnet, die diese offensichtlich konsumieren. Sind die Getr√§nke wirklich unbedenklich oder gar n√ľtzlich wie einem die Werbung das suggeriert? Verleihen sie wirklich Fl√ľgel?

Was sind Energy Drinks eigentlich?
Energiegetr√§nke bestehen haupts√§chlich aus Wasser, Zucker oder S√ľssstoff und Koffein. Dar√ľber hinaus enthalten sie oft Taurin sowie verschiedene Vitamine, Kohlenhydrate, Farbstoffe und Aromen. F√ľr das Koffein ist die anregende Wirkung, die im Marketing der Getr√§nke so wirkungsvoll eingesetzt wird, hinreichend belegt. Alle anderen Bestandteile haben trotz ihrer klingenden Namen keinen sicher nachgewiesenen leistungssteigernden Effekt.   

Situation in Deutschland
In Deutschland sind seit 2013 f√ľr die hier vertriebenen Energy Drinks Grenzwerte f√ľr einige Inhaltsstoffe in der "Fruchtsaft-und Erfrischungsgetr√§nkeverordnung" festgelegt. Laut dieser handelt es sich bei Energiegetr√§nken um koffeinhaltige Erfrischungsgetr√§nke, deren H√∂chstgehalt an Koffein auf 320 mg/l begrenzt ist. Der Grenzwert f√ľr Taurin liegt bei 4000 mg/l, f√ľr Inosit, einem S√ľssstoff, bei 200 mg/l und f√ľr Glucuronolacton, einem Kohlenhydrat, bei 2400 mg/l.

Ebenfalls in Deutschland gilt, dass auf Getr√§nken, deren Koffeingehalt 150 mg/l √ľbersteigt ‚Äď und dazu z√§hlen quasi alle Energy Drinks ‚Äď der Hinweis "erh√∂hter Koffeingehalt", gefolgt von der tats√§chlichen Menge (in mg/100ml) angebracht sein muss. Seit Dezember 2014 sollte diese Warnung au√üerdem um den Satz "F√ľr Kinder und Schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen" erweitert sein. Allerdings ist es m√∂glich, das der wahre Koffeingehalt des Getr√§nkes, welches man in H√§nden h√§lt, durchaus um einiges h√∂her als deklariert ist, da vielen Drinks nat√ľrliche Koffeinlieferanten wie z. B. Guarana, Kola Nuss, Mate oder Kakao zugesetzt sind. Eine Deklarationspflicht f√ľr den Koffeingehalt dieser Komponenten besteht aber nicht.

Interessanterweise unterliegen die sogenannten Energy Shots, die ein Vielfaches an Koffein enthalten k√∂nnen (z. B. Red Bull Energy Drink¬ģ 305 mg Koffein/l versus Red Bull Energy Shot¬ģ 1240mg Koffein/l) weder den Grenzwerten noch der Deklarationspflicht, da sie als Nahrungserg√§nzungsmittel verkauft werden und daher nicht in die o. g. Verordnung fallen. Hier ist lediglich die Angabe einer Verzehrsempfehlung vorgesehen, die im Fall Red Bull¬ģ bei "einer Portion pro Tag" liegt, womit man allerdings mit einer 60 ml Portion Shot soviel Koffein zu sich nimmt wie mit einer 250 ml Portion ¬ģEnergy Drink. Diese Tatsache hat das Bundesamt f√ľr Risikoberwertung (BfR) 2009 dazu bewogen, die Empfehlung auszusprechen, das Inverkehrbringen von Energy Shots zu unterbinden, da man mit einem nicht bestimmungsgem√§√üen Gebrauch und somit mit den entsprechenden unerw√ľnschten Wirkungen durch erh√∂hte Koffeinaufnahme rechnen m√ľsse. Und das, obwohl das Institut kein gesundheitliches Risiko beim Verzehr der empfohlenen Tagesration des Produktes sieht. Allerdings lie√üe sich das Verbraucherverhalten allein durch eine Verzehrsempfehlung nicht ausreichend beeinflussen und man bewerte das Produkt daher in diesem Sinne als nicht sicher [1]. Dennoch ist der Red Bull Energy Shot¬ģ unver√§ndert seit dem Herbst 2009 auch in Deutschland erh√§ltlich.
Im Juli 2013 hat die Stiftung Warentest 24 verschiedene Energy Drinks und einen Energy Shot untersucht und festgestellt, dass ein Drink (US Produkt) aufgrund eines deutlich erh√∂hten Koffeingehaltes nicht in Deutschland verkauft werden d√ľrfte, auch weil bei diesem Produkt die Kennzeichnungspflicht nicht eingehalten worden war. Infolge dieser Feststellung wurde es vom Hersteller vom Markt genommen. Alle anderen Produkte hielten sich, zumindest was den Koffeingehalt anbelangte, an die vorgeschriebenen Grenzwerte. Das Anbringen der entsprechenden Hinweise wurde durch alle Hersteller erf√ľllt, einige Produkte waren sogar mit freiwilligen Hinweisen versehen [2].

Konsumverhalten
‚ÄúDie Dosis macht das Gift.‚ÄĚ [Paracelsus]
Unumstritten ist wohl, dass der Markt f√ľr Energiegetr√§nke boomt. Red Bull¬ģ, um den prominentesten Vertreter zu nennen, wird weltweit in 166 L√§ndern verkauft. 2013 wurden 5,38 Milliarden Dosen davon unter die Leute gebracht, nicht zuletzt durch geschicktes Marketing, welches insbesondere mit dem Sponsoring popul√§rer Sportler und Sportarten den k√∂rperlich und geistig gest√§rkten Siegertypen zu einem erstrebenswerten Ideal macht.

Bereits kurz nach der Einf√ľhrung der Energy Drinks in Deutschland zeigte eine Studie von 1996, die 1265 Heranwachsende befragte, dass nahezu alle wussten, dass diese Getr√§nke auf dem Markt erh√§ltlich sind und die H√§lfte bereits eigene Erfahrungen damit gesammelt hatten. Davon tranken wiederum ein Viertel weniger als eine Dose pro Woche, 7% aber bis zu 7 Dosen pro Woche. Bei den 10 bis 13-J√§hrigen hatten ein Drittel der M√§dchen und  die H√§lfte der Jungen Energy Drinks probiert, 5% der M√§dchen und 23% der Jungen tranken sie regelm√§√üig in moderaten Umfang (bis eine Dose/Woche). Beunruhigenderweise fand sich aber bereits zu diesem Zeitpunkt eine kleine Gruppe von Kindern, die √ľber einen extrem hohen Konsum berichteten.

Das bereits erw√§hnte BfR befragte im Herbst 2012 √ľber 500 Besucher auf diversen Musik- und Sportveranstaltungen [3] zu ihrem Konsumverhalten bez√ľglich Energiegetr√§nken unter Ber√ľcksichtigung von Risikofaktoren wie Schlafentzug, k√∂rperlicher Anstrengung und Alkohol. Dabei fand sich, dass insbesondere M√§nner im Alter von 20 bis 25 Jahren im Durchschnitt einen Liter der Engery Drinks innerhalb von 24 Stunden bis hin zu maximal 5 Litern in 24 Stunden konsumierten, und zwar gemischt mit alkoholischen Komponenten, zumeist Wodka. Zum Trinken motiviert werden die Konsumenten durch die versprochene gesteigerte Leistungsf√§higkeit und Wachheit wie auch den Geschmack. M√∂gliche Gesundheitsrisiken durch den exzessiven Genuss werden von Ihnen dabei nicht bef√ľrchtet. Daraufhin empfahl das BfR den Hinweis auf m√∂gliche unerw√ľnschte Wirkungen im Zusammenhang mit Alkohol oder ausgiebiger sportlicher Bet√§tigung auf den Getr√§nkeverpackungen anzubringen.

Eine Studie der Europ√§ischen Beh√∂rde f√ľr Lebensmittelsicherheit (Efsa) hat aus den Angaben von √ľber 52 000 Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern aus 16 EU-Mitgliedsstaaten Informationen zum Energy Drink-Konsum gesammelt. Dabei wurde festgestellt, dass ein Viertel der Kinder (3 - 10 Jahre), ein Drittel der Erwachsenen (18 - 65 Jahre) und drei Viertel der Jugendlichen (10 - 18 Jahre) regelm√§√üig Energiegetr√§nke zu sich nehmen. Jeder Zweite mischt sie mit Alkohol und auch im Sport sind sie bei der H√§lfte der Konsumenten ein unentbehrlicher Helfer. Dabei belegt Deutschland einige nur vermeintlich erstrebenswerte Spitzenpl√§tze: mit 11% bzw. 17% stellen wir die h√∂chste Rate an Hochverzehrern (Mindestmenge von 1 Liter auf ein Mal) unter den jungen Erwachsenen und den Jugendlichen. Beim Mischen mit Alkohol liegen wir mit 67%  (junge Erwachsene) vorne und in der Kindergruppe (Untergruppe 6 -1 0-J√§hrige) l√§sst sich hier mit 0,6l pro Woche der h√∂chste pro-Kopf-Verbrauch dokumentieren. Die daraus entstehenden Belastungen mit den Inhaltsstoffen Koffein, Taurin und Glucuronolacton waren bei Kindern mit 1,13 und 5mg/kg pro Tag am h√∂chsten [4].

Hauptbestandteile und deren Wirkungen
Geben uns diese Zahlen mehr als nur zu denken? Was ist nun wirklich drin? Wie wirkt es? Und wie wirkt es auf wen?
Koffein, einer der Hauptbestandteile von Energy Drinks, ist die weltweit einzige psychoaktive Substanz, die auch f√ľr Kinder, v√∂llig frei in Lebensmitteln und Speisen zug√§nglich ist. Es antagonisiert den Adenosin- und Benzodiazepinrezeptor und wirkt als Phosphordiesterasehemmer.  
In geringen Dosen (10 - 100 mg pro Tag) kommt seine anregende Wirkung zum Tragen, es stimuliert dann vorrangig das zentrale Nervensystem, da es die Bluthirnschranke fast ungehindert passiert. Dabei werden psychische Grundfunktionen wie Antrieb und Stimmung beeinflusst, die Konzentration wird gesteigert und Erm√ľdungserscheinungen werden beseitigt (Verbesserung der mnestischen Funktionen). Es gibt auch Hinweise darauf, dass Koffein zu einer Verbesserung des Langzeitged√§chtnisses beitragen kann sowie bei Langzeitgebrauch das Risiko einer Parkinson-Erkrankung und dementieller Prozesse reduziert.

In h√∂heren Dosen kommt es zu einer Anregung des Kreislauf- und des Atemzentrums sowie einer zentralnerv√∂s erregenden Wirkung infolge zus√§tzlicher Stimulation motorischer Gehirnzentren. Es kann zu einer euphorischen Stimmungslage kommen. Allerdings f√§llt eine minimale Verschlechterung der Geschicklichkeit auf, die insbesondere die Koordination betrifft. Im Weiteren verursacht es eine Verengung der Koronar- und Hirngef√§sse, erh√∂ht die Herzfrequenz (positive Chronotropie) und die Kontraktilit√§t des Herzmuskels (positive Inotropie). Es kommt zu einer Blutdruckerh√∂hung. Die glatte Muskulatur (Organmuskulatur) wird entspannt, die Skelettmuskulatur stimuliert. Gleichzeitig vermindert Koffein die Aufnahme von Zucker in die K√∂rperzellen, d .h. der Blutzuckerspiegel steigt an (reduzierte Insulin-Sensitivit√§t). Es wirkt als mildes Diuretikum, d. h. Urinaussscheidung sowie die Schweisssekretion wird verst√§rkt, wodurch es zu einer Ver√§nderung der Blutsalze (Elektrolyte) f√ľhrt, die wiederum bei der Erregungsbildung und -ausbreitung insbesondere an der Herzmuskelzelle eine zentrale Rolle spielen. Koffein erh√∂ht die Atemfrequenz, erweitert die Bronchien. Des Weiteren sind entz√ľndungshemmende und somit bronchoprotektive Effekte beschrieben.

Bereits bei kurzfristigem Konsum (6 bis 15 Tage) hoher Koffeindosen kommt es zu einer Toleranzentwicklung gegen√ľber dem Stimulanz und die anregende Wirkung des Koffeins ist dann stark eingeschr√§nkt. Konsekutiv treten Entzugssymtome wie z. B. Kopfschmerzen, Ersch√∂pfung bis hin zu grippe√§hnlichen Symtomen auf.

Eine t√§gliche Aufnahme von bis zu 400 mg pro Tag gilt f√ľr einen gesunden Erwachsenen als unbedenklich, akute Vergiftungserscheinungen k√∂nnen sich je nach Gew√∂hnung jedoch bereits bei 1g einstellen. Ein Gramm Koffein entspricht dabei der Dosis in 10 Litern handels√ľblicher Cola oder 12 Dosen eines handels√ľblichen Energy Drinks (√† 250 ml) respektive 12 Dosen eines handels√ľblichen Energy Shots (√† 60 ml). Die Zeichen einer akuten Koffeinintoxikation sind vielf√§ltig und reichen von √úbererregbarkeit, Angstzust√§nden, unkontrollierbarem Zittern und Schlaflosigkeit bis hin zu Herzrasen, √úbelkeit und Erbrechen. Hinzu k√∂nnen schwerwiegendere Symptome wie starke Bauchbeschwerden, Hypokali√§mien, Halluzinationen, erh√∂hter Sch√§delinnendruck mit Hirn√∂dem (Schwellung), Schlaganfall, L√§hmungserscheinungen, Muskelzellzerfall, wechselnde Bewusstseinsst√∂rungen, zerebrale Kr√§mpfe und h√∂hergradige Herzrhytmusst√∂rungen sowie ein pl√∂tzlicher Herztod kommen. Die t√∂dliche Koffein-Dosis liegt bei 5 - 10 g.  

In der Schwangerschaft werden Koffeinmengen von mehr als 300 mg pro Tag mit einer erhöhten Rate an Fehlgeburten oder auch einem zu niedrigem Geburtsgewicht assoziiert. In einer Empfehlung von 2010 stuft das American College of Obstetricians and Gynecologists eine Dosis von bis zu 200 mg Koffein pro Tag jedoch als unbedenklich ein.

Wie sieht es nun mit der Wirkung von Koffein, der Hauptkomponente der Energy Drinks auf Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene aus? Welche Effekte sind bei Kindern z. B. mit Erkrankungen des Herzens, der Leber oder Nieren, mit Diabetes oder mit Verhaltensauffälligkeiten ggf. in Kombination mit regelmäßig eingenommenen Medikamenten zu erwarten?
Aufgrund dieser dr√§ngenden Frage hat eine amerikanische Forschergruppe [5] 2011 eine systematische Literatursuche durchgef√ľhrt und dabei interessante Daten zusammengetragen:
Kinder und Heranwachsende sollten t√§glich nicht mehr als 100 mg Koffein zu sich nehmen (respektive 2,5 mg pro kg/Tag). Nur zur Verdeutlichung: mit 1 Dose Red Bull¬ģ (80 mg Koffein) ist dieser Wert bei einem 35 kg schweren Kind/Teenager schon fast erreicht. Au√üerdem ist unklar, ob die Effekte von Koffein beim Erwachsenen so einfach auf Kinder √ľbertragen werden k√∂nnen. In einer vergleichenden Studie zeigten sich bei jeweils 26 Jungen und M√§nnern nach Koffeinkonsum √§hnliche Effekte auf den Blutdruck, allerdings fielen die Jungen durch eine erh√∂hte motorische Aktivit√§t und  Sprachgeschwindigkeit in Kombination mit einer erniedrigten Reaktionszeit auf.
Koffein kann die Aufmerksamkeit bei Kindern steigern, allerdings erh√∂ht es den Blutdruck und f√∂rdert Schlafst√∂rungen. Nach Beenden einer regelm√§√üigen Koffeinaufnahme verschlechtert sich bei Kindern deren Aufmerksamkeitsspanne und Reaktionszeit. Gleichzeitig finden sich diese Effekte aber auch bei erh√∂hter Koffeinaufnahme. Ein interessanter und brisanter Punkt ist, dass Koffein m√∂glicherweise die zuk√ľnftige Nahrungs- und Getr√§nkewahl der Kinder √ľber ein Einwirken auf das sich noch entwickelnde Gehirn langfristig beeinflusst. Dabei scheint es einen geschlechterspezifischen Effekt zu geben, da in einer Studie Jungen im Alter von 12 bis 17 Jahre deutlich mehr auf die "st√§rkende Wirkung" des Getr√§nkes ansprachen als M√§dchen - und das unabh√§ngig vom gewohnten Koffeinkonsum.

Taurin ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Energy Drinks. Dabei handelt es sich um einen k√∂rpereigenen Stoff, der sich gew√∂hnlich in Muskelzellen, im Herzen, Blut und Gehirn findet. 3 g Taurin pro Tag gelten f√ľr den gesunden Erwachsenen auch langfristig als unbedenklich und nebenwirkungsfrei. Dieser Wert kann bei √ľberdurchschnittlichem Energy Drink-Konsum nur allzu leicht √ľberschritten werden, da zum Beispiel Red Bull¬ģ einen Tauringehalt von mehr als 4 g/l hat.
Die physiologischen Effekte des Taurin sind nicht alle ersch√∂pfend untersucht, es ist allerdings gesichert, dass es √ľber Beeinflussung von Membranprozessen, n√§mlich die Freisetzung von Calcium aus dem endoplasmatischen Retikulum, die Schlagkraft des Herzen steigert und antiarrhythmisch wirkt. Es wird au√üerdem vermutet, dass es √ľber den Insulinspiegel Stoffwechselvorg√§nge moduliert, was weitere synergistische Effekte von Taurin in Verbindung mit Koffein und Zucker erkl√§ren k√∂nnte. Die Daten zu den potentiellen synergistischen Wirkungen des Taurin sowie √ľbrigens zu allen sonstigen Bestandteilen der Energy Drinks sind sp√§rlich und widerspr√ľchlich, jedoch scheint unumstritten, dass es diese gibt.

In einer Studie zeigte sich bei 13 trainierten Männern nach Gabe eines koffein- und taurinhaltigen Getränkes eine Steigerung der Kontraktilität des linken Vorhofes sowie eine Erhöhung des Schlagvolumens der linken Herzkammer. Bei der Vergleichsgruppe, die nur ein Koffein erhalten hatte, blieb dieser Effekt aus. Diese Wirkung wird auch durch eine Untersuchung einer italienischer Gruppe [6] bestätigt. Gesunde Männer wurden eine Stunde nach Gabe eines koffein- und taurinhaltigen Energy Drinks echokardiographisch untersucht. Dabei zeigte sich eine Steigerung der Kontraktilität der rechten und linken Herzkammer. Dabei bleibt unklar, ob der positive Effekt bei anhaltendem Konsum erhalten bleibt, auch ist die Situation unter körperlicher Belastung nicht untersucht. Nicht zuletzt ist zu diskutieren, ob Menschen mit Herzerkrankungen von diesem Effekt profitieren oder ob es hierbei gar zu einer Schädigung dieser Personen kommen kann.

Eine aktuelle Studie an 25 gesunden jungen Erwachsenen konnte in einem methodisch aufwendigen Ansatz zeigen, dass der Konsum von Red Bull¬ģ im Vergleich zu Leitungswasser den systolischen und diastolischen Blutdruck ansteigen l√§sst, die Herzfrequenz und das Schlagvolumen des Herzens steigert und mit einer Verringerung der Durchblutung der Hirngef√§sse einhergeht [7], was die Autoren - zu Recht - die vom Hersteller beworbene Wirkung der Verbesserung des mentalen Profils des Konsumenten hinterfragen l√§sst.

Amerikanische Wissenschaftler kamen durch Analyse mehrerer epidemiologischer und interventioneller Studien ebenfalls zum Schluss, dass der Konsum von Energy Drinks den Blutdruck signifikant erhöht, es aber außerdem zu Störungen des physiologischen Herzrhythmus kommen kann [8]. Zunächst wurden Daten von Personen, die gerade 1 bis 3 Dosen Energy Drink konsumiert hatten, im Hinblick auf die Länge des sogenannten "QT-Intervals" untersucht. Dabei fand sich bei diesen eine Verlängerung dieses Intervals um 10 Millisekunden.
Das QT-Interval beschreibt ein bestimmtes Segment der Herzrthythmus im EKG und damit der Ausbreitung der elektrischen Erregung im Herzmuskel. Bei Verl√§ngerung dieses Segmentes kann dies schwerwiegende Herzrhythmusst√∂rungen hervorrufen, ggf. assoziiert mit einem pl√∂tzlichen Herztod. Die gepoolten Daten schlossen Studien mit jungen, gesunden Personen (Alter 18 - 45 Jahre) ein. Die Forscher warnten unter anderem davor, dass bei √§lteren Personen und/oder solchen mit kardiovaskul√§ren Erkrankungen vermehrt Nebenwirkungen nach Konsum von Energy Drinks zu bef√ľrchten seien. Ebenfalls sollten Personen mit bekanntem Bluthochdruck oder Long-QT-Syndrom vom Genuss solcher Getr√§nke Abstand nehmen.
 
Auch der ehemalige Pr√§sident der American Heart Association, Gordon Tomaselli, zieht in einem Kommentar zu dieser Studie ein sehr kritisches Resumee bez√ľglich der Energy Drinks [9]. Er unterstreicht die Bedeutung der dokumentierten QT-Zeit-Verl√§ngerung bei der Entstehung schwerer, potenziell t√∂dlicher Herzrhythmusst√∂rungen und empfiehlt Personen, die eine kardiovaskul√§re Erkrankung oder eine Vorgeschichte mit Herzrhythmusst√∂rungen haben, die Getr√§nke zu meiden. Personen mit einer entsprechenden Familiengeschichte sollten sich vor dem Konsum zumindest √§rztlich untersuchen lassen. Bei Personen, die regelm√§√üig Medikamente einnehmen, lie√üen sich Interaktionen nicht ausschlie√üen, auch hier empfiehlt er die R√ľcksprache mit einem Arzt. Er geht soweit, die Energy Drinks potenziell als ‚ÄúMedikament‚ÄĚ zu bezeichnen, da sie einen nachgewiesenen pharmakologischen Effekt haben. Letztendlich m√ľsse der Konsument sensibilisiert werden f√ľr Symptome, die √ľber einen anregenden Effekt hinausgingen, um sich ggf. rechtzeitig notfallm√§√üig in √§rztliche Behandlung zu begeben.

In Frankreich wurden diese Art Energy Drinks erst 2008 zugelassen. In einem k√ľrzlich ver√∂ffentlichten Register hinsichtlich unerw√ľnschter Nebenwirkungen nach Konsum von Energy Drinks wurden von 2009 bis 2012 212 F√§lle gemeldet [10]. Davon fanden sich 95 F√§lle mit Nebenwirkungen, die das Herz-Kreislaufsystem betrafen, 74 waren psychiatrischer Natur und 57 neurologisch. Zum Teil kam es zu sich √ľberlappenden Symptomen. In 8 F√§llen kam es zu einem Herzkreislaufstillstand oder einem pl√∂tzlichen Herztod, bei 46 Personen wurden Herzrhythmusst√∂rungen festgestellt, 13 klagten √ľber Angina pectoris und bei 3 lie√ü sich eine Blutdruckentgleisung dokumentieren. Das sogenanntes ‚ÄúKoffein Syndrom‚ÄĚ, welches durch eine hohe Pulsfrequenz (Tachykardie), generalisiertes Zittern, Angstzust√§nde und Kopfschmerzen imponiert, fand sich bei 60 Personen. Auch die Autoren dieser Studie nahmen diese Analyse zum Anlass, Personen mit kardiovaskul√§ren Vorerkrankungen vor dem unbeschwerten Genuss der Getr√§nke zu warnen. Sie erkl√§rten, die Drinks h√§tten keinen Platz bei oder nach gro√üer k√∂rperlicher Anstrengung und das Mischen mit Alkohol f√ľhre in den meisten F√§llen zur Aufnahme umso gr√∂√üerer Mengen der koffeinhaltigen Getr√§nke, mit potenziell fatalen Folgen. Sie forderten √Ąrzte auf, die Patienten mit kardiovaskularen Erkrankungen, insbesondere aber auch junge Leute, aktiv nach ihrem Energy Drink-Konsumverhalten zu befragen und sie √ľber die m√∂glichen Folgen zu informieren.

In weiteren  Untersuchungen wurden Effekte auf das Gerinnungssystem wie eine gesteigerte Aktivit√§t der Blutpl√§ttchen (Thromozytenaggregation) sowie die Gef√§sse im Sinne einer Sch√§digung der Gef√§ssinnenhaut (Endothel) durch den Konsum von Energy Drinks nachgewiesen, wobei gezeigt werden konnte, dass das Koffein f√ľr diesen Effekt nicht verantwortlich ist.

Die Autoren des oben bereits angesprochenen Artikels [5] ziehen aus den vorliegenden Daten R√ľckschl√ľsse auf m√∂gliche Auswirkungen eines Energy Drink-Konsums auf die verschiedensten Organsysteme von Kindern und Jugendlichen und auf die daraus resultierenden vielf√§ltigen unerw√ľnschten Effekte.

Mögliche kardiovaskuläre Auswirkungen
Die stimulierende Wirkung hoher Dosen an Koffein können insbesondere dann Symptome wie Blutdruckentgleisungen, Kollapszustände mit Bewusstseinsverlust, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris bis hin zum plötzlichen Herztod verursachen, wenn eine Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems besteht. Besonders im Blickfeld stehen hier die sogenannten Ionen-Kanal-Erkrankungen (z. B angeborenes Long-QT-Syndrom) und die hypertrophe Kardiomyopathie, die am häufigsten vorkommende genetische Herzmuskelerkrankung bei Kindern und jungen Erwachsenen.

Mögliche Effekte bei Hyperaktivitätssyndrom
Rund 500.000 Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von ADHS betroffen und eine nicht unerhebliche Anzahl dieser Kinder wird aufgrund dieser Erkrankung mit Stimulanzien behandelt, die per se zu einer Erh√∂hung der Herzfrequenz sowie einem Ansteigen des Blutdrucks f√ľhren k√∂nnen. F√ľr die Patientengruppe, die mit Methylphenidat (Ritalin¬ģ) behandelt wird, scheint es aufgrund der bekannten Kardiotoxizit√§t des Medikamentes, ein h√∂heres Risiko f√ľr kardiovaskul√§re Ereignisse bei Konsum von Energy Drinks zu geben. Des Weiteren ist bekannt, dass Patienten mit ADHS eine h√∂here Rate an Substanzenmissbrauch aufweisen, dazu geh√∂rt auch der Koffeinmissbrauch, da Koffein als zentrales Stimulanz wirkt.

Mögliche Effekte bei Essstörungen
Speziell Patienten mit Magersucht (Anorexia nervosa) scheinen Koffein in h√∂heren Mengen zu sich zu nehmen, um die krankheitsassoziierte M√ľdigkeit zu antagonisieren. Des weitern hilft es, den Appetit zu senken, vergr√∂√üert die Stuhlmenge sowie die Urinausscheidung. Ber√ľcksichtigt man die Tendenz dieser Patienten f√ľr kardiale Erkrankungen und Todesf√§lle sowie das Auftreten von Elektrolytst√∂rungen, so ist es nur allzu wahrscheinlich, dass durch den Konsum von Energy Drinks das Risiko f√ľr ein Auftreten von Herzrhythmusst√∂rungen zus√§tzlich ansteigt.

Mögliche Effekte auf Kalorienzufuhr und bei Diabetes
Da √úbergewicht ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft darstellt, ist die zus√§tzliche Kalorienzufuhr durch Energy Drinks nicht unerheblich. Es kann hierdurch zum Ansteigen des K√∂rpergewichtes, des Blutdruckes und des Blutzuckerspiegels kommen. Weitere Probleme gibt es im Zahnbereich oder im psychischen Bereich (Depressionen, niedriges Selbstbewusstsein). Die Kombination von Zucker und Koffein in den Drinks kann nach Konsum zur Unterzuckerung (postprandiale Hypoglyk√§mie) f√ľhren, was insbesondere Kindern mit Diabetes extremen Schaden zuf√ľgen kann.

Mögliche Effekte auf die Knochenmineralisierung
In der Regel werden beim Heranwachsenden die Calciumdepots in den Knochen maximal aufgef√ľllt. Sicher ist, dass Koffein mit der Calciumaufnahme im Darm interferiert, sodass eine negative Auswirkung auf die Knochenmineralisierung durch Koffeingenuss nicht auszuschlie√üen ist.

Fazit
Derzeit kann und muss man davon ausgehen, dass Energy Drinks eine pharmakologische Wirkung besitzen, die durch die Vielzahl der angebotenen Mixturen und die nicht vollst√§ndig gekl√§rten synergistischen Effekte der Inhaltsstoffe nur abgesch√§tzt werden kann. Sicher ist auch, dass man bei sensiblen Individuen wie z. B. Kindern, Jugendlichen, Schwangeren oder chronisch Erkrankten immer davon ausgehen kann, dass sich die zu erwartenden Effekte verst√§rken. Rechnet man das durch das aggressive Marketing der Vertreiberfirmen gef√∂rderte Fehlverhalten der zumeist jungen Konsumenten dazu, resultiert fast zwangsl√§ufig das Auftreten unerw√ľnschter Nebenwirkungen bis hin zum pl√∂tzlichen Tod. Daran √§ndern auch die erweiterten Warnhinweise bzw. die Deklarationspflicht auf den Getr√§nkepackungen nichts, die im Vergleich zum Beipackzettel der in Deutschland zwar rezeptfreien, aber immerhin apothekenpflichtigen Koffeintabletten geradezu l√§cherlich wirken. Aufkl√§rung und eine fr√ľhe Sensibilisierung der Betroffenen f√ľr das Problem scheint der einzig sichere Weg aus dem Dilemma zu sein. Und eigentlich ist es ja auch ganz einfach ‚Ķ oder w√ľrden Sie Ihrem Kind einen doppelten Espresso zum Fr√ľhst√ľck erlauben?

Dr. med. Kerstin Schönhoff
Fach√§rztin f√ľr Innere Medizin und Kardiologie
kerstin.schoenhoff(at)gmail.com
CH 3073 G√ľmligen bei Bern, Schweiz

√úbersicht Koffeingehalt (Quelle: www.wikipedia.org)

  • Eine Tasse Kaffee (150 ml aus 4 g Kaffeebohnen) enth√§lt etwa 40 bis 120mg.
  • Eine Tasse Espresso (30 ml) etwa 40mg Koffein.
  • Eine Tasse Schwarztee kann je nach Zubereitungsart bis zu 50mg enthalten, im Normalfall enth√§lt eine Tasse Tee aus 1 g Teebl√§ttern 20‚Äď40mg.  
  • Guaran√° enth√§lt 40 bis 90 mg Koffein pro 1 g in der Trockenmasse.
  • Kakao enth√§lt mit ungef√§hr 6 mg pro Tasse ein wenig Koffein
  • In Schokolade findet sich Koffein (Vollmilchschokolade etwa 15 mg/100 g, Bitterschokolade bis zu 90 mg/100 g)
  • Energy-Drinks wie Red Bull (etwa 32mg/100 ml) oder Relentless Energy Shot (160 mg/100 ml)
  • Mate-Limonaden (etwa 20-25 mg/100 ml)
  • Cola-Getr√§nke (fr√ľher mit Koffein aus der Kolanuss) Coca-Cola und Pepsi Cola: 10 mg/100 ml, Afri-Cola, fritz-kola u. √§.: 25 mg/100 ml
  • Kaffee-Bonbons (etwa 80 - 500 mg Koffein pro 100 g, etwa 3 - 8 mg Koffein pro Bonbon)
  • Koffeinhaltige Schmerzmittel mit Acetylsalicyls√§ure oder Paracetamol oder beiden enthalten jeweils 50 mg Koffein pro Einzeldosis
  • Koffeintabletten zur kurzfristigen Beseitigung von Erm√ľdungserscheinungen enthalten 50 - 200 mg Koffein


Literaturhinweise

  1. www.bfr.bund.de/cm/343/gesundheitliche_risiken_durch_den_uebermaessigen_verzehr_von_energy_shots.pdf
  2. www.test.de/Energy-Drinks-Riskanter-Koffein-Kick-4573293-0/
  3. www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2014/05/vieltrinker_von_energy_drinks_ignorieren_muntermacher_risiko-189098.html
  4. www.efsa.europa.eu/de/supporting/doc/394e.pdf
  5. Seifert SM, Schaechter JL, Hershorin ER, Lipshultz SE.,Health effects of energy drinks on children, adolescents, and young adults. Pediatrics 2001; 127, 511 - 28
  6. www.escardio.org/about/press/press-releases/esc12-munich/Pages/energy-drinks-improve-heart-function.aspx
  7. Grasser EK, Yepuri G, Dulloo AG, Montani JP. Cardio- and cerebrovascular responses to the energy drink Red Bull in young adults: a randomized cross-over study. Eur J Nutr 2014; 53: 1561 - 71.
  8. newsroom.heart.org/news/energy-drinks-may-increase-blood-pressure-disturb-heart-rhythm
  9. newsroom.heart.org/file
  10. www.escardio.org/about/press/press-releases/esc14-barcelona/Pages/energy-drink-cardiac-safety.aspx

 

 

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